Samstag, 30. Januar 2010

Out in the cold: Neues aus Braunschhweig

„Wo Berge sind, kann der Norden nicht sein“, behauptet meine Arbeitskollegin aus Bremen. Demnach gehört Braunschweig also nicht zu Norddeutschland. Nun, wenn man wie ich aus Karlsruhe kommt, als Südstaatler sozusagen, kann man darauf nur antworten: „Wenn Flensburg aus süddeutscher Sicht dem Nordpol entspricht, dann ist Braunschweig Grönland; zumindest in Sachen Witterung.“ Bei 8,8° liegt hier die Temperatur im Jahresmittel. In meiner Geburtsstadt sind es an die 2° mehr. Wärmer ist es fast nur in Freiburg - und wenn Frankreich nicht wär´, läge das bekanntlich am Meer; und zwar am Mittelländischen, Jawohl. Bei den Sonnentagen sieht es hier übrigens auch nicht viel besser aus.
Vielleicht ist der Januar für die klimatische Urteilsbildung aber auch ungeeignet. Wenigstens hoffe ich das. Jedoch, die Hoffnung schwindet. „Im September“, sagte mir neulich jemand, als ich zaghaft fragte, wann im Braunschweiger Land denn so in der Regel der Frühling komme.
Doch alles Lamentieren hilft ja nicht. „Komm Junge, wo bleibt dein olympischer Geist,“ feuere ich mich selbst an. Eine andere Kollegin aus Hannover überwindet mal eben uralte Stammesgrenzen und durchläuft endlose archaische Rituale, um sich vom bösen 96er „Juju“, wie Afrikaner schlechtes Karma nennen , zu befreien – bei denne isch des wie zwische uns un de Schwobesäckel. Eine andere Kollegin wechselt vom katholischen Paderborn ins protestantische Braunschweig gar in andere geistig-religiöse Sphären. Da werde ich doch den Übergang in eine neue Klimazone überleben. „Wer sich nicht anpasst, stirbt aus,“ weiß ich von Darwin. Im Fachgeschäft habe ich mir mehrere Pullis aus Fleecestoff gekauft und, zur Sicherheit, im Internet eine 1 zu 1 Reproduktion eines U-Boot-Mantels aus dem Zweiten Weltkrieg bestellt. Laut Hersteller für die Schlechtwetterzonen im Atlantik und in der Biscaya konzipiert - der Krieg wurde bekanntlich verloren, aber die Jacke ist warm. Da kann der Norden von mir aus sein, wo er und die Bremer das wollen. So oder so ist das Ansichtssache. Und der Frühling? Der wird sich finden – früher oder später.

Samstag, 16. Januar 2010

Braunschweig: erste Eindrücke aus meiner neuen Heimat

Einigen ist sicher aufgefallen, dass ich den Blog in letzter zeit nicht mehr in der gewohnten Regelmäßigkeit aktualisiert habe. Das liegt daran, dass es mich beruflich nach Braunschweig verschlagen hat. Die thematischen Schwerpunkte werden sich also zwangsläufig verschieben, worüber ich mir noch einige Gedanken machen werde. Immerhin gibt es ja einige Anknüpfungdpunkte, zum Beispiel bei der Eintracht, wo ja Ex-KSCler Marc Arnold als Sportlicher Leiter in Amt und Würden ist. Ich hoffe bald Neues vermelden zu können. Bis dahin ein paar Eindrücke aus meiner neuen Heimat:

Der zweite Weltkrieg hat nicht nur das Stadtbild von Braunschweig zerrissen – über 90 Prozent der Innenstadt wurden zerstört -, sondern auch tiefe und nur oberflächlich verheilte Wunden in die Herzen der Menschen geschlagen, die ihn miterlebt haben. Wer mit Eckhard Schimpf einen Spaziergang durch die Altstadt macht, merkt das schnell. Eckhard Schimpf ist hier nicht nur geboren und Aufgewachsen, auch fast sein ganzes Berufsleben hat er dieser Stadt gewidmet: Fünfzig Jahre bei der Braunschweiger Zeitung, dazu ein Buch über den Klinter Klater genannten Lokal-Dialekt geschrieben; das ist doch was. Doch nur wenige Anekdoten aus fünfzig Journalistenjahren flicht der graumelierte Herr in seine Erzählungen, nur oberflächlich durcheilt er die tausendjährige Geschichte seiner Heimatstadt.
Der Krieg ist das beherrschende Thema. Dabei fielen nur Schimpfs frühe Jugend in die Jahre des Krieges – und sind fünf Kriegsjahre nicht ein Wimpernschlag gegen die 38 Herrscherjahre Heinrichs des Löwen? Doch wenn nach der Chaostheorie der Schlag eines Schmetterlingsflügels Wirbelstürme auslösen kann, was vermag dann ein Wimpernschlag anzurichten?
„Wir Kriegskinder haben alle einen Knacks,“ sagt Eckhard Schimpf lakonisch und deutet auf einen Glas verkleideten Neubau in der Schuhstraße. „Hier stand ein großer Bunker. In der berühmten ‚Feuernacht’ 1944 waren hier tausend Menschen zusammengepfercht – zugelassen war lediglich die Hälfte.“ Mit Spreng- und Brandbomben entfachte die britische Royal Airforce in jener Nacht einen Feuersturm, der die Türme der St.Martini-Kirche zum Glühen brachte.
Die vielen Brände verbrauchten derartig viel Sauerstoff, dass den Menschen im Bunker inmitten des Infernos die Luft auszugehen drohte. Unter ihnen Eckhard Schimpf: „Normalerweise warfen die ihre Bomben und nach zwanzig Minuten konnte man wieder Nachhause, aber in dieser nacht blieben die Stahltüren zu.“ Stunde um Stunde verging, das Atmen viel schwerer und schwerer, Menschen sanken ohnmächtig zusammen, Kinder weinten.
Was niemand wusste: Draußen versuchten Helfer eine Schneise durch die Flammen zu schlagen. Einen ganzen Straßenzug beschossen die Feuerwehrleute mit ihren Spritzen, um den Leuten im Bunker einen Fluchtweg zu eröffnen. „Nach vier Stunden konnten wir dann endlich raus,“ erzählt Schimpf. „Vor der Tür Standen Fässer mit Wasser. Wir mussten uns mit nassen Lappen umwickeln und dann sind wir wie durch einen Säulengang unter den Wasserstrahlen der Feuerwehr abgezogen. Und nur wegen dieses enormen Einsatzes stehen hier noch einige historische Gebäude.“
Nun geht es weiter zum Altstadtmarkt. Hier verbreitet das alte Ratsgebäude fast einen Hauch von Florenz und aus dem alten Gewandhaus könnten jeden Augenblick ein paar ehrbare Kaufleute in historisch bunter Tracht treten. „Ach ja, die Spitze von diesem Brunnen hier ist in jener Nacht damals abgeschmolzen,“ sagt Schimpf. An den Auswirkungen des Flügelschlags eines Schmetterlings kann man vielleicht noch zweifeln, was ein Wimpernschlag anrichten kann, ist in Braunschweig offenbar.

Mittwoch, 23. Dezember 2009

Send in the Clowns: Führungschaos beim KSC

So sehr man sich einen Erfolgreichen Neuanfang beim KSC gewünscht haben, so sehr man die Kampagne des Fallbeils aus der Amalien Straße und der übrigen Lokalpresse gegen das aktuelle Präsidium verdammen und so wenig man den alten Seilschaften im Club diesen Triumph gönnen mag, man kommt um die Feststellung nicht länger umhin: Diese Vereinsführung hat schon jetzt abgewirtschaftet! Paul Metzger geriert sich als machtbesessener Kasper, der nicht nur kein Fettnäpfchen auslässt, sondern an jeden Fuß einen ganzen Vaselineeimer geschnallt zu haben scheint. Nicht nur hat es dieser Präsident geschafft - beispielsweise durch seine schon jetzt berüchtigten Teilnahmen an den Pressekonferenzen -, einen Traditionsverein innerhalb kürzester Zeit bundesweit lächerlich zu machen, sondern auch einem Trainer, der es in mühseliger Kleinarbeit geschafft hat, aus den Trümmern einer Bundesligamannschaft ein einigermaßen konkurrenzfähiges Team zu formen, alle möglichen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Die Groteske um eine Abmahnung Schupps, wegen dessen vorzeitiger Verkündigung von Manager Rolf Dohmens ausscheiden, ist nur ein weiteres Mosaiksteinchen in einem Bild, dass sich eigentlich nur so interpretieren lässt: Der Trainer soll solange drangsaliert werden, bis er von selbst den Bettel hinschmeißt, da sich eine Entlassung derzeit weder finanziell noch sportlich rechtfertigen lässt (Einen interessanten Kommentar zum Thema findet ihr hier). Nur, so blöd seine Abfindung in den Wind zu schießen wird Schupp wohl kaum sein. Man täte also gut daran, dem Mann endlich die Rückendeckung und Unterstützung zu geben, die er braucht und verdient.
Das die Zeit von Dohmen andererseits vorbei und eine weitere Professionalisierung der teilweise verkrusteten Strukturen beim KSC überfällig war, ist weitgehend Konsens. Doch ist seit Beginn der Ära Metzger statt einer weiteren Qualifizierung, vielmehr eine galoppierende Hyperprovinzialisierung des Vereins zu beobachten. Wie lange wollen die Mitglieder diesem Treiben noch zusehen? Bis zum nächsten Abstieg? Es wird langsam Zeit, die Tapeziertische aus dem Keller zu holen!

Montag, 7. Dezember 2009

KSC-Heldenabend und 20 Jahre Fanprojekt

Wirklich eine gelungene Idee die Feierlichkeiten zum 20 Jährigen Jubiläum des Karlsruher Fanprojekts mit einem Gesprächsabend der KSC-Torjägerlegenden Edgar Schmitt und Emanuel Günther zu beginnen. Schade aber, dass die nachwachsenden Fangenerationen offenbar über wenig Geschichtsbewusstsein verfügen und sich nur knapp dreißig Interessierte in den blau-weiß getünchten Räumlichkeiten in der Mainestraße verloren. Diese konnten allerdings bis über beide Ohren in Karlsruher Fußballgeschichte eintauchen: Als Gastgeber dieses ersten „Heldenabends“ trat Rheinpfalz-Kolumnist und „Auf, Ihr Helden“-Magazin Herausgeber Matthias Dreisigacker in Erscheinung und „traktierte“ die beiden erfolgreichsten Stürmer der KSC-Historie (Schmitt, beim KSC von 1993-96, 72 Spiele, 31 Tore, Günther, im Verein 1977/78 und 1979-86, 310/134) mit allerlei historischen und tagesaktuellen Fragen. So war zu erfahren, dass beide Spieler von ihrem Erfolgstrainer Winnie Schäfer eher wenig hielten (Schmitt: „Das beste an ihm war, dass er uns in Ruhe gelassen hat.“) und die aktuelle Lage beim Sportclub mit kritischem Abstand begleiten (Günther: „Die sind einfach nicht zielstrebig genug.“).
Bei manchen Statements dürfte ein anwesender „Held der Zukunft“, wie er von Dreisigacker vorgestellt wurde, KSC-Defensivmann Godfried Aduobe, interessiert die Ohren gespitzt haben, gilt Edgar Schmitt doch als Kandidat für den freiwerdenden Managerposten Rolf Dohmens. „Es kann nicht sein, dass hier jeder ein Forum erhält seine Meinung öffentlich zu machen und sich vom Jugendtrainer aufwärts jeder in der Presse äußert. Der Sturm ist zu klein besetzt und die Verteidigertypen sind sich zu ähnlich,“ waren Hauptkritikpunkte des ehemaligen erfolgsstürmers. Aktiv werden möchte Schmitt aber nur, wenn er eigenverantwortlich arbeiten kann: „Ich möchte nicht der Spielball von irgendjemand sein, daher kam für mich ein Engagement unter dem ehemaligen Präsidium nicht in Frage.“ Ob Schmitt mit dieser Einstellung beim neuen Präsidenten Metzger, der bisher nicht gerade dadurch auffiel, sich aus den Kompetenzen seiner leitenden Angestellten herauszuhalten, landen kann, scheint allerdings mehr als fraglich.
Doch natürlich wurde bei einer solchen Gelegenheit nicht nur kontrovers diskutiert, sondern gab es auch viel Amüsantes zu hören. So musste „Euro Eddie“ die Frage, ob es aktuell noch Autogrammwünsche gebe mit einem knappen „nix mehr“ beantworten, während der wesentlich länger außer Dienst stehende „Emma“ süffisant darauf verweisen konnte, dass seine Unterschrift noch regelmäßig gewünscht werde. „Also, schickt mir mal was Jungs“, rief Schmitt und vielleicht sind die Wege für die Fans ja doch bald wieder kürzer.
Insgesamt ein sehr informativer wie unterhaltsamer Abend. Bleibt zu wünschen, dass sich die Kulisse zukünftig etwas mehr an Wildparkverhältnisse annähert. Gleiches gilt für die weiteren Jubiläumsveranstaltungen des Fanprojekts: Offene Tür mit Videoabend mit den Filmen „Schlachtenbummler“ und „Ultras – die neue Generation“, Di, 8.12., 17Uhr und das „Moser rockt“-Festival mit den Bands Defectionarea (Hardcore), Beggars Street (Rock) und Frogfarm (Ska). Infos: www.fanprojekt-karlsruhe.de

Dienstag, 24. November 2009

"Im Wildpark", ein neuer Bildband der Heldenmagazin-Macher

Wenn alle, die beim KSC und in Karlsruhe etwas zu sagen haben, diesen Club derart selbstlos liebten wie Matthias Dreisigacker – statt sich der kollektiven Pflege von Profilneurosen zu widmen -, wäre der Verein sicher nicht in einem derart bejammernswerten Zustand! Seit Jahren macht sich der Herausgeber des Magazins „Auf, Ihr Helden!“ durch seine detail- wie kenntnisreichen Fussballzeitgeschichten rund um den KSC und dessen teils glorreiche, teils finstere Vergangenheit verdient: Als Chronist blau-weißer Tradition und Hüter blau-weißen Erbes, das derzeit offenbar nicht von allen maßgeblichen Akteuren in und um den Sportclub gleich hoch geschätzt wird.
Jetzt hat sich der Verlag Block Eins, in dem auch das Heldenmagazin erscheint, mit einem opulenten Bildband noch eines anderen höchst achtbaren Anliegens angenommen: Der Würdigung des altehrwürdigen Wildparkstadions. Auf 160 Seiten präsentieren die Autoren Christian Pfefferle, Jens Fischer und Matthias Dreisigacker 155 Abbildungen, die, gegliedert in Passagen wie „Auf dem Weg“, „An der Seitenlinie“ oder „Wenn es vorbei ist“, alle Facetten eines Bundesligaspieltages in Karlsruhe widerspiegeln. „Im Wildpark – bleibende Eindrücke aus dem Karlsruher Fußballstadion“, bietet denn auch keine Hochglanzanhimmelei aktueller oder ehemaliger Spieler – auch wenn einige von ihnen, darunter Manfred Krafft, Michael Harforth und Rudi Fischer, natürlich zu Wort kommen -, oder eine kritische, allerdings stets liebevolle Betrachtung schmutziger Details wie morsche Kassenhäuschen, die kuriosen Toiletten und rostende Zäune, sondern zeigt das Stadion nicht nur als Spielstätte, sondern - und das ist wohl weit bedeutsamer – als Begegnungsort von Menschen grundverschiedenster Couleur, die trotz aller sozialen, kulturellen, weltanschaulichen und Altersunterschiede eines vereint: Die liebe zu einem Fußballverein, die Liebe zum KSC.

Dienstag, 17. November 2009

Gerichtstermine zwischen KSC und Kölmel verlegt

In der KSC-Führung hat sich offenbar die Ansicht durchgesetzt, der vom neuen Präsident Paul Metzger ausgehandelte und auf der Mitgliederversammlung Anfang November verkündete Deal mit dem Rechtehändler Michael Kölmel (wir berichteten), sei noch verbesserungswürdig. Um sich wie angestrebt von seinen Verpflichtungen gegenüber dem Gründer des Filmverleihs Kinowelt zu befreien – Kölmel hatte sich im Abstiegsjahr 2000 für 15 Millionen Mark 15 Prozent der Fernseheinnahmen des Bundesligisten gesichert - hätte der Verein in den nächsten zehn Jahren ungefähr zwanzig Millionen Euro zahlen müssen. Zwischen sieben und zehn Millionen Euro hätte Kölmel sofort erhalten, ab 2019 hätte sich der Sportclub für einen Fixbetrag von 13.6 Millionen Euro aus dem Vertrag freikaufen können. Im Gegenzug wollte Kölmel auf drei Millionen Euro aus aufgelaufenen Rückständen verzichten und sich zukünftig mit zehn Prozent der Fernsehgelder zufrieden geben. Für eine Einigung hatte der Unternehmer den Vereinsgremien ein Ultimatum bis letzten Freitag gestellt.
Besonders aus dem Verwaltungsrat drangen kritische Stimmen, die vermeintlich vorteilhafte Lösung könne den Verein womöglich schlechter Stellen als notwendig. Nun sehen sich Kritiker, die vermuteten, Kölmels Rechtsposition sei vielleicht doch nicht so stark, wie von ihm dargestellt und vom neuen Präsidium um den Fußballneuling Paul Metzger - vor kurzem verpflichtete er den türkischen Offensivakteur Serhat Akin, ohne Rücksprache mit Trainer Markus Schupp - angenommen, bestätigt: Die für kommenden Freitag und Freitag, den 4.12., angesetzten Termine vor dem Landgericht wurden nun auf Antrag des KSC in den Februar verlegt. Ein für Donnerstag, den 26.11., vorgesehener Berufungstermin vor dem Oberlandesgericht wird nun Mitte Januar durchgeführt. Wie der Verein bekannt gab, sei die Verlegung erfolgt „um ohne Zeitdruck die vielschichtige Problemstellung zu sondieren und das nach wie vor verfolgte Ziel, einen möglichst tragfähigen Vergleich mit MK Medien, zu erreichen.“ Dazu KSC-Präsident Paul Metzger: „Ich hoffe, dass die Gespräche mit Herrn Kölmel weitergeführt werden können. Wir haben uns zuletzt abseits der Gerichtssäle ein großes Stück aufeinander zu bewegt. Es wäre aus unserer Sicht mehr als begrüßenswert, wenn wir dies erfolgreich zu Ende führen könnten.“

Samstag, 7. November 2009

Und er bewegt sich doch: Überraschungen auf Fortsetzung der KSC-Mitgliederversammlung

Der Pulverdampf beim KSC scheint sich zu legen. Die Fortsetzung der KSC-Mitgliederversammlung verlief im Gegensatz zur von Turbulenzen geprägten Zusammenkunft vom 30. September reibungslos. Dennoch gab es einige Überraschungen: Zunächst gab Präsident Paul Metzger eine Zusammenschau seiner ersten 35 Tage im Amt und gewährte Einblick in sein Seelenleben. Metzger zeigte sich betroffen von der teils harschen Presse- und Mitgliederkritik an seiner Amtsführung. Einige Berichte seien „unter der Gürtellinie“ gewesen und haben seinem Ruf und den des Vereins geschadet, sagte der noch amtierende Bürgermeister von Bretten - wohl im Hinblick auf Vorwürfe, er habe am Abend seiner Wahl „mit schwerer Zunge gesprochen“ oder gebe den Sportclub mit seiner volkstümlichen Art „der Lächerlichkeit“ preis. Allerdings gab sich Metzger auch selbstkritisch: „Ich bekenne mich dazu, dass ich ein Lehrling bin als Präsident eines Profifußballclubs, aber ich kann und werde lernen“.
Hinsichtlich der Finanzsituation des KSC stimmte Metzger die Mitglieder auf ein drohendes Defizit von zwei Millionen Euro in der laufenden Saison ein. Dennoch soll die Mannschaft nach Möglichkeit verstärkt werden. Die Spielerdecke sei zu Dünn, „wir sind zum Handeln verpflichtet“, erklärte Metzger. Angestrebt wird die baldige Verpflichtung von Serhat Akin, der Vereinslose Angreifer trainiert derzeit mit der zweiten Mannschaft. Mittel für weitere Spielerkäufe sollen durch eine baldige Einigung mit dem Rechtehändler Michael Kölmel mobilisiert werden. Im Abstiegsjahr 2000 schloss der mit dem KSC einen Vermarktungsvertrag, der diesem 15 Millionen D-Mark zuführte und so die drohende Pleite abwendete. Mit dem abgetretenen Präsidium Raase kam es zum Streit, über den mit hohen Belastungen - 15 Prozent der Fernseheinnahmen - verbundenen und wegen der unbegrenzten Laufzeit von vielen im Verein als ungerecht empfundenen Deal. Weil der zu Zweitligazeiten klamme Verein erst nicht zahlen konnte – und Kölmel die fälligen Beträge stundete – und nach dem Aufstieg nicht mehr zahlen wollte, sind Rückstände in zweistelliger Millionenhöhe aufgelaufen. Geld, dass der Club zwar auf der hohen Kante hat, aber wegen eines Rechtsstreits mit Kölmel und nach Auflage der DFL nicht ausgeben kann. Der nun ausgehandelte Kompromiss lautet wie folgt: Kölmel erhält zwischen sieben und zehn Millionen Euro sofort, übrige drei Millionen Euro aus den Rückstellungen kann der KSC behalten. Weiter reduziert sich die Beteiligung Kölmels an den Fernsehgeldern von 15 auf 10 Prozent, darüber hinaus erhält der KSC die Option, sich ab 2019 für einen Fixbetrag von 13.6 Millionen Euro aus dem Vertrag freizukaufen. Die ab heute bis zum Stichtag abgeführten Fernsehgelder werden auf diese Summe verrechnet, allerdings läuft die Beteiligung auch nach 2019 weiter, bis der Verein die Option wahrnimmt. In der kommenden Woche wird sich der Verwaltungsrat, der diesem Lösungsvorschlag zustimmen muss, mit dem Thema befassen. Kölmel hat für kommenden Freitag eine „Deadline“ zur Einigung gesetzt, dann würde die für den 20. November angesetzte Gerichtsverhandlung abgesagt. Präsident Metzger warb um die Zustimmung des Gremiums: „Kommt es zur Klage, gibt es wieder schlechte Schlagzeilen, Altvordere werden als Zeugen vorgeladen und es wird über unsere Verlässlichkeit diskutiert werden.“
Angesichts der Millionenbeträge, die ihnen da nur so um die Ohren gehauen wurden, wirkten manche KSC-Mitglieder ähnlich betreten wie Torhüter Jeff Kornetzky nach der 0:4 Heimniederlage gegen St. Pauli. Doch eines sollte klar sein: Bei der Auseinandersetzung mit dem Rechtehändler Michael Kölmel geht es für den Verein im Grunde nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um die Frage, ob der nun auf dem Tisch liegende Kompromiss vorteilhaft oder eher nachteilig ist. Am Anfang steht die Erkenntnis: Wer aus einem unbefristeten Vertrag heraus will, wird dem Vertragspartner eine entsprechende Kompensation leisten müssen. Bleibt zu klären, ob der nun ausgehandelte Preis, denn um nichts anderes handelt es sich hier, günstig oder überhöht ist. Zunächst einmal wäre mit der Zahlung an Kölmel das Problem der Rückstände gelöst. Mit dem Kompromiss wären das Risiko - sofern der Verein den anstehenden Prozess verlöre -, die gesamten Rückstellungen ausbezahlen zu müssen, beendet und zusätzlich drei Millionen mobilisiert. Mit dem zweiten Kompromiss reduzierte sich Kölmels Ertragsanteil um fünf Prozent, auch hier besteht Anlass zur Freude. Bleibt Kompromiss Nummer drei: Hier ist der entscheidende Punkt die zukünftige Ertragslage. Je höher die langfristigen Einnahmen des Vereins, desto preiswerter ist im Prinzip die Rückabwicklung. Was zählt, ist der sportliche Erfolg. Der Vorteil bestünde darin, dass jetzt ein fester Betrag vereinbart wird und nicht 2019 eine Neubewertung stattfindet. Steigt der Verein auf, könnte bis zum Stichtag alles bezahlt sein, spielt er danach International, hätte er Millionen gespart.
Auf der anderen Seite wartet Kölmel seit Jahren auf sein Geld, dass er nun bekommt. Sind die nächsten zehn Jahre Erfolgreich, macht er vielleicht sogar noch ein gutes Geschäft, wenn nicht, hat er zumindest nichts verloren. Sieht ganz nach einer Win-win-Situation aus; und wie oft gibt es das schon im Fußball. Vor Gericht gilt in jedem Fall: nur einer kann gewinnen.
In Anbetracht dieser Entwicklungen geriet der eigentliche Haupttagesordnungspunkt, Neuwahl der beiden Vizepräsidenten beinahe in den Hintergrund. Als Nachfolger der bisherigen Vizes, Rainer Schütterle und Michael Steidl, die beide nicht mehr antraten, wählten die knapp fünfhundert Mitglieder Ex-Profi Arno Glesius und Verwaltungsrat Rolf Hauer. Der ehemalige KSC-Sicherheitsbeauftragte Ulrich Jäck konnte sich nicht durchsetzen.